Spiegel Online

Im Friedrichstadt-Palast wurden zwei grundlegend unterschiedliche Welten gemixt: Revue- und Sprechtheater. René Pollesch schuf ein triumphales Spektakel.
Man war sich einig teilzunehmen an einem historischen Kulturmoment.
Vielleicht hat es seit der Uraufführung der 'Dreigroschenoper' von Kurt Weill und Bertolt Brecht am 31. August 1928 keine derart rummelige und begeistert gefeierte Theaterpremiere mehr gegeben in Berlin.
Es ist eine Inszenierung, in der getanzt, tolle Musik gespielt und von der Schlechtigkeit der Welt gesprochen wird.
Ganz in der Art, in der Brecht und Weill einst gesellschaftskritisches Sprechtheater und Oper zu einer grandiosen neuen Bastardkunstform zusammenrührten, haben nun der Regisseur Pollesch, der Schauspieler Fabian Hinrichs und 27 Tänzerinnen und Tänzer aus dem Friedrichstadt-Palast-Ensemble einen Mix aus zeitkritischem Sprechtheater und Revuehandwerk hergestellt.
Fast zwei Jahrzehnte lang war der Regisseur Pollesch neben Frank Castorf der herausragende Theatermacher der Berliner Volksbühne. Die hat sich einst den Schriftzug "Ost" aufs Dach gestellt. Nun darf Pollesch, aufgewachsen und ausgebildet in Hessen, im Friedrichstadt-Palast antreten, der in sozialistischen Zeiten die Show-Prachtbude des Honeckerstaats war - und in den Jahrzehnten seit dem Mauerfall mehr Osten geblieben ist, als es die Volksbühne je war. Eine großartige, aber auch riskante Konstellation. Zwei sich gewöhnlich ignorierende Theaterwelten werden kurzgeschlossen.
Und doch zeugt die Aufführung nicht nur von bewundernswerter Chuzpe, historischem Bewusstsein und Cleverness, sondern auch von einer phänomenalen Kunstbegeisterung.
Am Ende, wenn 2000 Menschen die Bühnenhelden johlend, klatschend und trampelnd feiern, kann man sagen: Der Friedrichstadt-Palast liebt an diesem Abend zurück.

Süddeutsche Zeitung

Normalerweise finden auf dieser Revue-Bühne perfekt choreografierte Hightech-Spektakel im Las-Vegas-Format statt, ein Entertainment-Feuerwerk in Hochpräzision, in dem Fragen nach Sinn und Unsinn des Kapitalismus und der eigenen Existenz eher nicht zu den Standardthemen gehören. Nichts könnte hier fremder sein als Polleschs Gedankenbeschleuniger-Theater der überraschenden Assoziationsketten. Und genau deshalb funktioniert die Inszenierung an diesem Ort ganz prächtig.
Pollesch und Hinrichs spielen an diesem Abend charmant und ironisch mit den Gesetzen der Revuebühne.
Revue-Show bedeutet Tempo und eine Überflutung mit den verführerischsten Körper-, Bild- und Klangreizen. Also machen Pollesch und Hinrichs genau das Gegenteil: Melancholie, kein Tempo und erst recht kein visueller Reizoverkill. Das Abenteuer findet im Kopf oder im Herzen statt. Als kleine Gestalt auf der Riesenbühne bekommt Hinrichs mit seinen Selbstgesprächslabyrinthen eine sehr konkrete Verlorenheit.
Das ist das Paradox dieser umwerfenden Inszenierung: Sie spielt mit den Revueelementen, macht daraus etwas ganz Eigenes und landet beim Nachdenken über die ungelösten Fragen des eigenen Lebens.

Nachtkritik

Jetzt ist das unerschrockene Duo Pollesch/Hinrichs also weitergezogen, dorthin, wo man vor lauter Glitzern und Funkeln kaum geradeaus gucken kann: in den Friedrichstadt-Palast, den Show-Olymp Berlins, das Las Vegas an der Spree.
Der Abend verneigt sich vor den Traditionen des Friedrichstadt-Palasts, bringt Laser-Show, sagenhafte Tanzeinlagen, schmuggelt kabaretthaft Reminiszenzen an die Vorwende-Tradition des Hauses rein und streut dann zarte Verweise auf den Vereinzelungszusammenhang des Kapitalismus, auf diese große Entsolidarisierungsmaschinerie. Der Chor der Tänzer*innen changiert entsprechend zwischen homogenem Show-Act und wundervoll entkernter Performancegruppe, die sich im Nirgendsein einnistet.
Hinrichs und Pollesch haben den gültigen Nachfolger für "Kill Your Darlings" geschaffen, erzählerisch, entspannt entertaining, mit einem guten Schuss Selbstzitat und Fremdzitat, beste Balance.

Berliner Morgenpost

Es geht in 'Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt' vor allem um Einsamkeit, Vereinzelung, Verlorenheit. Nicht nur in diesem großen leeren Raum mit all seinen technischen Möglichkeiten, sondern auch in der Welt mit all ihren emotionalen Möglichkeiten und mindestens ebenso vielen möglichen Enttäuschungen.
Nur ganz wenige dieser diskursiven Exkurse, mit den Polleschs Arbeiten oft getränkt sind, gestattet er sich dieses Mal, im Vergleich kommt dieser Abend mit einer fast rührenden Direktheit daher. Fabian Hinrichs ist dafür natürlich die beste aller denkbaren Besetzungen.
Auch seine Alliance mit dem Amüsiertempel an der Friedrichstraße ist so eine liebevoll ironische Umarmung geworden, das passt. In der leicht misstrauischen Distanz ebenso wie in der Begeisterung, für ein bisschen Show und Glitter war Pollesch ja auch an der Volksbühne immer schon zu haben.
Zum Finale darf’s dann auch gerne etwas mehr sein: Vor einem glitzernden Sternenhimmel hängt Fabian Hinrichs und funkelt golden. Die Tanztruppe trägt auf dem Kopf die hübschen leuchtenden Sichel-Helme aus der aktuellen Vivid-Show und wuchtig braust aus der Soundanlage dazu Céline Dions 'All by Myself' auf. Bei so viel Schönheit kann selbst der Einsamste ja gar nicht anders, als dann doch versöhnlich festzustellen: 'Es gibt ein Licht, das niemals ausgeht.'

Berliner Zeitung

Tief ins Herz des Pollesch-Theaters führt dieser Moment, der aus allem und nichts gezimmert scheint. Ins Flirren und Schillern seiner Kritik an der kapitalistischen Wertschöpfungslogik, die nie so daherkommt, als gäbe es überhaupt noch eine Position, von der aus sie sich unbeschadet äußern ließe.
Dass Pollesch und Co-Autor Hinrichs damit nun eine Hochburg der durchperfektionierten Unterhaltungsshows behelligen, kommt dennoch erstaunlich selten wie ein Ufo-Absturz daher. Das liegt auch daran, dass Pollesch hier einen seiner bisher melancholischsten, zugewandtesten Texte geschrieben hat, weit weniger diskursgeschüttelt und manchmal durchaus zuckriger als seine jüngeren Arbeiten, die er seit dem Ende der alten Volksbühne landauf, landab über die Bühnen schickt.
Pollesch nimmt den Friedrichstadt-Palast ernst, weiß um die Verwandtschaft seines E-Theaters mit dem mit dem großen U. Und der Palast darf herzeigen, was er kann und hat. In den Bühnenresten der aktuellen Revue 'Vivid' lässt die Lichttechnik ihre Lasershow-Muskeln spielen; die begnadeten Tänzerinnern und Tänzer sind Masse, aber nicht Ornament, eher Kollektiv als Netzwerk.
Dazwischen stößt Fabian Hinrichs im hautengen Goldeinteiler den Text vor sich her, schlendert durch die Zuschauerreihen, spricht im angelernten Verkündigungston eines Redners, der weiß, dass er eigentlich 'Käse erzählt'. An den Showeinlagen beteiligt er sich in völligem Einverständnis mit dem eigenen Dilettantismus. Ganz so hoch wie am Palast gefordert, wirft auch ein Supersportler wie Hinrichs die Beinchen nicht, seine Bewegungen schleppen denen der Kompanie stets um einen Sekundenbruchteil hinterher. Auch das ist purer Pollesch: Nur Unvermögen rettet noch vor der großen Uniformität. Aber Wahnsinn, wie gut die aussieht!

Deutschlandfunk Kultur

Auch auf der ganz großen Bühne bleiben Pollesch und Hinrichs ihrem stilistischen Minimalismus treu, spielen aber virtuos mit den Erwartungen des Publikums.
Die nüchterne Schlichtheit wirkt im großen Show-Palast geradezu provozierend, bringt aber Performer und Publikum unerwartet eng zueinander.
Und am Ende hängt ein golden glitzernder Fabian Hinrichs nach siebzig atemlosen, intensiven, grandiosen Minuten im Sternenhimmel … und das Glück ist da.

Die deutsche Bühne

Pollesch und Hinrichs, Co-Regisseur des Abends, spielen mit den Mitteln dieses Ortes, unterlaufen und feiern sie.
Ein Abend, der über unser Zusammenleben nachdenkt und einem dabei heiter-wehmütig das Herz öffnet – und zwar mit den ältesten und schönsten Theatermitteln: Schauspiel, Stimme, Raum, Menschlichkeit.

Inforadio

Schallendes Gelächter und ein dicker Kloß im Hals … bei diesem Abend liegt beides nah beieinander.
Ein Glücksfall in diesem Theaterherbst.

rbb Kultur

Pollesch und Hinrichs nehmen den Ort charmant verstolpert in Beschlag.
… als wäre Hinrichs über Nacht allein in einem riesigen Spielzeugladen und dürfte mal so richtig die Sau rauslassen.

SWR

Pollesch und Hinrichs sind zurück!
Auf diese Premiere hatte Berlin hingefiebert: Der Regisseur und zukünftige Intendant der Volksbühne René Pollesch hat wieder einen Solo-Abend mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs herausgebracht. Schon mit der Inszenierung 'Kill your Darlings! Streets of Berladelphia' von 2012 hatten die beiden Bühnengeschichte geschrieben. Auch der neue Abend 'Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt' ist eine Sensation.
Im 100 Jahre alten Friedrichstadt-Palast Berlin, dem früheren Prestige-Unterhaltungspalast der DDR, gelingt eine große Erzählung über 'soziale Wüsten', die Hölle, die die Welt geworden sei. Die Antwort auf die Obdachlosigkeit des Menschen ist auf wunderbare Weise der Theaterabend selbst. Er ist tröstlich, wie Kunst eben trösten kann, wenn es ihr gelingt Schönheit hervorzubringen.

taz

Das Highlight der Hauptstadt im Herbst 2019
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